KINDERZIRKUSSCHULE FANTAZZTICO
COSTA RICA
Ein soziales Projekt von Vida Nueva gegen die Verelendung von Kindern und Jugendlichen in den Randvierteln der Provinzhauptsatdt San Isidro de El General
Ausgangslage:
Seit 12 Jahren arbeitet unser Verein VIDA NUEVA im Süden von Costa Rica mit sozial gefährdeten Kindern und Jugendlichen, deren Familien in den marginalen Außenvierteln der Stadt San Isidro angesiedelt sind.
Landflucht und fehlende Arbeitsplätze in unserem Kanton haben dazu geführt, dass in diesen Wohnvierteln eine allgemeine Verwahrlosung, frühzeitiger Schulabbruch, Alkoholismus, Drogenkonsum und hohe Kriminalität beobachtet werden kann.
Durch verschiedene Maßnahmen, wie die Einrichtung einer Ausspeisungsstelle („El Comedor“) für Straßenkinder, das Angebot von Ausbidungskursen aller Art (Kunsthandwerk, Computer und Fremdsprachen) und gemeinsamer Freizeitgestaltung mit den Kindern und Jugendlichen (Fußball, Ausflüge, Camps) versucht unser Verein dieser prekären Situation entgegenzuwirken.
Die Durchführung dieser Programme wird unter der Anleitung einheimischer Fachleute (Psychologen, Sozialarbeiter) in der Hauptsache von Zivildienern, Freiwilligen und Praktikanten der Sozialarbeit aus Europa getragen.
Die Zirkusschule:
Im Jahre 2002 begann der Zivildiener Gerhard Pürcher, der in Oberösterreich eine Ausbildung in den Zirkuskünsten absolviert hatte, mit den Kindern dieser Wohnvierteln die Zirkusschule aufzubauen.
Pürcher begann mit den Kindern den Umgang mit Jonglierbällen, Diabolos, Keulen und Devilsticks, sowie die Grundlagen der Akrobatik zu trainieren.
Bald stellte sich heraus, dass diese Aktivitäten mit großem Enthusiasmus angenommen wurden. Die Kinder nutzten jede freie Minute zum Trainieren. Bewegung war genau das, was diesen, meist hyperaktiven Kindern ein Bedürfnis war. Ihre verständliche Unruhe konnte auf diese Art und Weise in kreative, positive Bahnen gelenkt werden. In kürzester Zeit beherrschten sie Jonglage und einfache Formen der Akrobatik. Durch das regelmässige Training mit den Asbildnern lernten sie gleichzeitig Werte wie Disziplin, Solidarität und Vertrauen in die Gruppe. In der Menschenpyramide hatte jeder seine spezifische Funktion. Der Stärkste unten und die Leichtesten ganz oben an der Spitze. Jeder musste sich auf den anderen verlassen können – sonst bricht das Ganz zusammen.
Ebenso stimulierten die Zirkus-Choreographien, die Elemente von Theater, Tanz und Mimik mit dem Zirkus verbanden ihre Fantasie, Kreativität und ihr Bedürfnis nach Ausdruck .
Nach Gerhard Pürcher setzte der deutsche Zivildiener Franz Christian Grimm die Zirkusarbeit mit den Kindern fort. 2004 löste ihn Jullian Hensel, ebenfalls Zivildiener aus Deutschland ab. 2005 waren es Phillip Meyer und Tobias Lippek, die mit der Zirkusarbeit weitermachten.
Tobias Lippek entschloss sich 2006 nach Abschluss seines Zivildienstes noch ein Jahr daran zu hängen. Er bereitete sie auf die grosse Europatournee vom Juli 2007 vor.
Die Europatournee:
2006 bestritt die Kinderzirkusgruppe bereits zahlreiche öffentliche Auftritte in der Hauptstadt San José und an anderen Orten Costa Ricas. Sie erreichte ein künstlerisches Niveau, das sich auch international sehen lassen konnte.
Das war dann auch der Grund für den Entschluss, eine dreiwöchige Aufführungstournee durch Österreich, die Schweiz, Deutschland und Frankreich zu organisieren. Wegen der Schulferien wählten wir Juli 2007.
Die Tournee sollte uns von Wien bis Paris führen, mit Vorstellungen in Theatern, Zirkuszelten und an öffentlichen Plätzen.
Die Gruppe bestand zu diesem Zeitpunkt aus 16 Kindern und Jugendlichen. Das Durchschnittsalter der jungen Künstler betrug 12 Jahre. Sechs waren Mädchen. Die meisten kamen aus dem marginalen Stadtviertel „Tierra Prometida“.
Tobias Lippek, der die Choreographie für die Europatournee schrieb, dirigierte das Team. Acht Freiwillige aus den verschiedensten Ländern (Urugugay, Kolumbien, Mexico, Iran, Deutschland und Österreich ) halfen beim Vorbereitungstraining und begleiteten die Kinder in Europa.
Fantazztico absolvierte in Europa 23 Auftritte und gab 8 Workshops für die österreichischen bzw. schweizer Kinder.
Die Tournee wurde zu einem grosses Erfolg. Zahlreiche Reportagen in Fernsehen, Radio und Presse geben darüber detailliert Auskunft. Für die Kinder und Jugendlichen war es ein unvergessliches Erlebnis und ein Ansporn weiter zu machen und weiter zu lernen.
Die Zirkusschule
Wir müssen erwähnen, dass der Anfang der Zirkustätigkeit in San Isidro von grossen Schwierigkeiten gekennzeichnet war. Wir hatten keinen festen Ort für das Training. Da mussten wir zeitweise die Turnsäale der Schulen benutzen, die Einrichtung der städtischen Sporthalle, oder das Kulturzentrum der Gemeinde. Die bei uns acht Monate andauernde Regenzeit und die Distanz von den Aussenvierteln zu diesen Trainingszentren erschwerte erheblich das notwendige, regelmässige Training.
Aus diesem Grund trugen wir uns schon vor Jahren mit dem Gedanken, ein eigenes Gebäude für den Zirkus zu errichten.
Ein Antrag an die Gemeindeverwaltung von San Isidro uns ein Grundstück für den Bau der Schule zur Verfügung zu stellen wurde positiv behandelt. Die Gemeinde übergab uns ein Terrain von 700 Quadratmeter ziemlich zentral gelegen.
Die Pläne, die Architekturstudenten der Universität Veritas erstellten, sehen ein Gebäude mit einer Halle für Aufführungen und Training vor, einen Aufenthaltsraum, Küche, einen Umkleideraum, ein Büro, 2 Wohnräume für freiwillige Mitarbeiter und einen Verwalter und die notwendigen sanitäre Einrichtungen. Die Konstruktion ist eine Kombination aus Betonziegel und Metallgerüst. Die Haupthalle soll ein Amphitheater mit Bühne für ca. 150 Zuschauer beherbergen.
Das Team der Zirkusschule
Was das Personal betrifft, sind wir heute so weit, dass wir gute eigene Fachkräfte haben, die die administrative und künstlerische Leitung der Schule übernehmen können.
Da ist Armando, ein Junge der ersten Generation des Zirkus. Armando, heute 19 Jahre, hat regelmässig mit der Zikusschule „Escuela de la Comedia y el Mimo“ aus Nikaragua trainiert. Er nahm 2007 während 3 Monaten an der Kinderkulturkarawane in Deutschland teil und verfügt über ausgezeichnete Fähigkeiten im fachlichen und pädagogischen Bereich.
Da ist Josué, unser Clown, 22 Jahre. Josue hat nach der Europatournee eine Schulung in Mimik in Barcelona absolviert. Josue zeichnet sich durch seinen guten Zugang zu den Kindern und eine ausgezeichnete von den Kindern total akzeptierte Art des Unterrichts aus.
Die Leitung des Zirkus unterliegt zur Zeit Alexandra Graf. Alexandra kommt aus Wien, ist Akrobatin und arbeitet schon seit 3 Jahren mit den Kindern von Fantazztico. Sie studiert momentan Sozialarbeit in San Isidro.
Ausser diesen drei Posten werden natürlich weiterhin die freiwilligen Mitarbeiter aus aller Welt die Trainingarbeit mit den Kindern fortsetzen. Zwei Zivildiener, die über den Friedensdienst Kassel jedes Jahr zu uns kommen sind fester Bestandteil des Teams.
Ausserdem haben in Bezug auf Personal Zusagen vom Kulturministerium in San José. Da wurde uns angeboten Workshopstipendien für Ausbildungszyklen in Theater, Tanz, Musik und Zirkus mit Fachkräften aus San José in Anspruch zu nehmen.
Ausblick
Die eigene Zirkusschule wird uns ermöglichen, das ungeheure Potential an künstlerisch talentierten Kindern und Jugendlichen des gesamten Kantons zu nutzen.
Ausserdem wird die Konsolidierung der Zirkusschule dazu beitragen, die positiven Ergebnisse unserer Erfahrungen im präventiven Arbeitsbereich mit sozial gefährdeten Kindern und Jugendlichen zu erweitern und zu systematisieren. Die erste Zikusschule von Costa Rica kann somit zu einem Pilotprojekt werden, das uns neue Wege der Präventivarbeit in marginalen Stadtvierteln aufzeigt.
Kontaktadresse:
Asociación Vida Nueva, Apd. 292 - 8000 San Isidro de El General
Costa Rica / Zentralamerika Tel./Fax. : 00506 771 42 39
Mail: nueva@racsa.co.cr oder alexandra_graf@gmx.at oder rolspendling@gmx.net
www.sonador.info
September 2007